
Tourismus: Flensburg leckt seine
Wunden
Mehr als eine Branche in Flensburg schwächelt - da mehren sich die
Stimmen,
die die wirtschaftliche Zukunft der Förderregion noch stärker
im Tourismus
sehen als bisher.
Das liegt bei dem landschaftlichen und kulturellen Potenzial des deutsch-dänischen Grenzlands nahe. Da Flensburg und sein Umland beileibe nicht die einzigen sind, die mangels anderer Alternativen mehr und mehr auf die Erholungswirtschaft setzen, ist jedoch knallharte Professionalität Voraussetzung für Erfolg. Dass diese in Flensburg nicht gegeben ist, haben zahlreiche Verantwortliche aus Wirtschaft und Politik auf einem vom Förderverein Flensburg Regionalmarketind und der Industrie- und Handelskammer am 05.02.2004 initiierten "Tourismus-Gipfel" festgestellt.
Ärgste Schwachstellen: 20 verschiedene Vereine und Institutionen versuchen sich in der Region auf unterschiedlichen Ebenen am Fremdenverkehr - doch kaum einer hat ihn wirklich als unternehmerisches Produkt verinnerlicht. So können weder Schlagkraft noch Wertschöpfung entstehen. Wie sich das konkret ändern ließe, wurde in verschiedenen Workshops diskutiert.
Auch anläßlich unseres Stammtisches am 11.03.2004 war das ein heißes Thema.
Das Urlaubs-Marketing im Großraum Flensburg gleicht
einer Katastrophe..
Dieses Zeugnis stellten sich 150 Akteure der Branche auf einem "
Tourismus-Gipfel" am 05.02.2004 des Fördervereins Flensburg
Regionalmarketing und der Industrie- und Handelskammer in deren
Räumlichkeiten selber aus.
Peter-Michael Stein, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und
Handelskammer,
gab sich provokant: Als sein Haus zum "Tourismus-Gipfel" einlud,
habe er
längst nicht überall Zustimmung geerntet. Probleme würden
dort zu
ö
ffentlich deskutiert, die Ruhe von Entwicklungsphasen gestört, hätten
Kritiker moniert. "Mit Ruhe schafft man keine Innovation, und die
ist
nötiger denn je", setzte Stein dagegen. Denn, so seine schonungslose
Analyse: Flensburgs Tourismus-Marketing sei "von Improvisation geprägt
und
lässt strategisch ausgerichtetes Handeln vermissen".
Eigentlich sollte mehr Schlagkraft her, als Tourismus- und Stadtmarketing
zur Jahrtausendwende zu einer Gesellschaft, der FTS, verschmolzen. Doch
die
beiden Partner haben nach Ansicht Steins "nicht so zueinander gefunden,
wie
es wünscheswert wäre", und die Stelle eine regulären
hauptamtlichen
Geschäftsführers ist vakant. Zwar gibt es nach einer Hochrechnung
von
IHK-Tourismusreferent Dirk Nicolaisen zwei Dutzend weitere Vereine und
Verbände, die sich in der Großregion Flensburg auf verschiedenen
Ebenen dem
Fremdenverkehr verschrieben haben. Doch diese zersplitterte, an allen Ecken
und Kanten sich überlappende Struktur bringe auch keine wirkungsvolle
Stoßrichtung zustande, stellte Nicolaisen fest.
"Das Denken
an eigene
Pfründe herrscht vor", diagnostizierte der Experte und fragt: "Wie
lange
können wir uns eine solche Kleinteiligkeit bei einem weltweiten
Tourismus-Markt noch leisten?
Als dringendstes Handlungserfordernis schrieb er der Region ein
"
wassertouristisches Marketing" ins Stammbuch.
Dieser Sektor reicht
von
Wassersport bis Kreuzfahrten, sorgt in Deutschland bereits jetzt für
einen
Jahresumsatz von vier Milliarden Euro und wird zu den Markt-Segmenten mit
den besten Perspektiven gezählt.
"Warum gibt es keine Fördenkreuzfahrt
entlang der deutsch-dänischen Küste?", lautete eine andere
der vielen
Fragen Nicolaisens.
Rainer Prüß, Autor eines Konzepts zum Stadtmarketing, wurde
konkreter: Für
das Gelände der Fahrzeugwerke Nord am West-Hafen regte er den Bau
eines
Kreuzfahrt-Terminals an. "Machen wir uns nichts vor - in fünf
Jahren ist
die Firma, die hauptsächlich von Bundeswehraufträgen lebt, nicht
mehr da".
Massiv attackierte Prüß, dass die FTS sich mit einem modernen
Internet-Auftritt bis 2005 Zeit lassen will. Prüß: "Wo
leben wir denn? Das
muss doch nächste Woche drin sein". Und: "Dass keine Broschüre über
Flensburgs maritime Kompetenz existiert", nannte Prüß "eine
Katastrophe".
Helmut Trost, Bürgermeister und Aufsichtsrat der FTS, hatte auch nichts Tröstendes beizutragen: "Leider gibt es keine zielgruppengerechten Pauschalangebote", und das Gastgeberverzeichnis findet er auch "überarbeitungsbedürftig".
Quelle: Flensburger Tageblatt vom 06.02.2004
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